FDP.Die Liberalen
Adliswil
Ortspartei Adliswil
16.10.2020

Nachhaltiges Wirtschaften

Die Wirtschaft ist ein Prozess, bei dem im Zusammenspiel von Kapital und Wissen Mehrwert geschaffen wird. Für einige lautet das Ziel: Gewinnmaximierung. Für andere ist die Wirtschaft ein Vehikel, mit dem gesamtgesellschaftliche Anliegen umgesetzt werden sollen. Letztlich geht es immer um ein Abwägen.

Werner Schiesser in der "Zürcher Wirtschaft"

Schon die Definition von Wirtschaft, oder von Oekonomie, ist nicht einfach. In Gablers Wirtschaftslexikon heisst es «Unter Wirtschaften versteht man das planvolle Beschaffen und Verwenden von Gütern. Die Wirtschaftssubjekte verhalten sich nach dem ökonomischen Prinzip: Erziele mit vorgegebenem Aufwand das bestmögliche Ergebnis, oder erziele ein vorgegebenes Ergebnis mit so wenig Aufwand wie möglich.» Aus heutiger Optik auffallend ist, dass in dieser Definition Dienstleistungen nicht vorkommen. Klar ist dagegen der Fokus auf die Optimierung, was man letztlich als Aufforderung zur Gewinnmaximierung lesen kann.

Fokus Gewinnmaximierung

Kaum ein Unternehmen kann es sich heute noch leisten, als einzigen Daseinszweck die Gewinnmaximierung zu nennen. Eine solche Zielsetzung würde viel zu kurz greifen, denn Gewinnmaximierung auf kurze Frist sieht ganz anders aus als Gewinnmaximierung auf mittlere oder längere Frist. Auf kurze Frist kann sich rücksichtslose Gewinnmaximierung rechnen. Auf längere Frist spielen Faktoren eine Rolle, welche der (kurzfristigen) Gewinnmaximierung entgegenstehen, für die langfristige Gewinnmaximierung aber zentral sind. Bei Unternehmen, die auf gute Mitarbeitende angewiesen sind, gehören sicher die Personal- und die Personalnebenkosten dazu. Gute Mitarbeitende für sich zu gewinnen und sie längerfristig zu halten, setzt Investitionen in die Aus- und Weiterbildung, aber auch in eine gute Mitarbeitenden-Kultur voraus. Damit finden Elemente des nachhaltigen Wirtschaftens Eingang in die Überlegungen zur mittel- und langfristigen Gewinnmaximierung.

Gesellschaftliche Ziele

Das Gegenteil der reinen kurzfristigen Gewinnmaximierung wäre das alleinige Ausrichten des Unternehmens an gesellschaftlichen Zielen und - böse gesagt - «Gutmenschentum». Dieser Ausrichtung steht entgegen, dass das Wirtschaften per se immer Auswirkungen auf die Menschen und die Umwelt hat. Nehmen wir als Beispiel die Verkehrsbetriebe einer Stadt. Selbst batteriebetriebene E-Busse und Trams verbrauchen Strom, benötigen Stahlräder oder Gummi-Reifen. Dieser Strom ist heute weder CO2-frei noch ohne AKWs zu haben. Der Gummi-Abrieb an den Reifen führt zur Verschmutzung der Strasse und letztlich über die Kanalisation auch der Gewässer. Zudem verursachen Busse und Trams (zum Glück selten) Unfälle, bei denen Personen zu Schaden kommen. Wollte man all diese unerwünschten Auswirkungen verhindern, müsste man die Verkehrsbetriebe umgehend stilllegen. Und das fordert meines Wissens niemand.

Also geht es immer um ein Abwägen: Welche Güter und Dienstleistungen dürfen bei ihrer Herstellung wie viele unerwünschte Nebenwirkungen haben. Bei diesem Thema wird es sehr schnell schwierig, weil die Sicht auf die Dinge enorm stark von der eigenen Perspektive abhängt. Dies wiederum führt zu Diskussionen, die schnell emotional und dogmatisch werden.

Im Sozialismus wäre das Ausrichten der Unternehmen ausschliesslich am gesamt-gesellschaftlichen Zweck eigentlich möglich. Eine zentrale Einheit legt fest, welchen Preis in Form negativer Auswirkungen man für welche Güter und Dienstleistungen in Kauf nimmt. Alle bisherigen Experimente mit der sozialistischen Wirtschaft haben aber zu gesamtgesellschaftlich schlechteren Resultaten geführt. Die negativen Auswirkungen, insbesondere auf die Umwelt, waren deutlich höher und die Güter und Dienstleistungen qualitativ deutlich schlechter als jene, die in freien Volkswirtschaften hergestellt wurden.

Das stetige Ringen

Die Konzernverantwortungsinitiative, über die wir im September abstimmen, ist Ausdruck dieses Ringens um die negativen Auswirkungen der Wirtschaft. Die Motive, welche dahinterstehen, sind nachvollziehbar und lobenswert. Mit der Einführung eines Rechts-Kolonialismus und grosser Rechtsunsicherheit wäre sie allerdings bestenfalls wirkungslos, ziemlich sicher aber kontraproduktiv.

Nachhaltiges Wirtschaften heisst, sich der Auseinandersetzung zwischen kurzfristiger Gewinnmaximierung und dem längerfristigen Wohlergehen des Unternehmens und der Gesellschaft zu stellen. Fast alle Unternehmen, die ich kenne, sind sich dieser Verantwortung bewusst und stellen sich ihr. Ein verantwortungsvoller Umgang mit den natürlichen Ressourcen, gute Arbeitsbedingungen für die Mitarbeitenden und eine Rentabilität, welche die Kapitalgeber adäquat entschädigt und das langfristige Überleben des Unternehmens sichert. Das ist das Rezeptbuch für nachhaltiges Wirtschaften, an das sich jedes vernünftige Unternehmen im eigenen Interesse, aber auch im Interesse von uns allen hält.

 

Über den Autor:

Werner Schiesser, CEO von BDO AG

"Nachhaltiges Wirtschaften stellt sich dem Dilemma zwischen kurzfristiger Gewinnmaximierung und dem längerfristigen Interesse, auch das gesamtgesellschaftliche Wohlergehen im Auge zu behalten." 

 Werner Schiesser ist Mitglied der FDP Adliswil und der Kirchenpflege der reformierten Kirche Sihltal.